Januar 2010:
Handwerk in der Hexenküche
Leuchtenhersteller Simon und Schelle veredelt Oberflächen nach traditioneller Fertigungstechnik
Sundern. Es brodelt, blubbert und zischt. Wie in einer Hexenküche. Nur, dass die dampfenden, eigentümlich riechenden Flüssigkeiten in den verschiedenen Behältern nichts mit Zauberei zu tun haben. Die bunten Bäder sind chemische Verbindungen in flüssiger Form, die zur Veredelung von metallischen Zubehörteilen benötigt werden.„Diese Abdeckungen für Duschbrausen sollen verchromt werden “, erklärt Christof Weber, zieht ein Gitter mit tropfenden, runden Metalldeckeln aus der trüben Suppe und taucht es in den kleineren Behälter am Ende des Raumes. Sieben Bäder hat das zu veredelnde Produkt bereits genommen. Jetzt noch ein Tauchgang, und dann ist wieder eine Charge fertig. Etwa 18.000 Stück haben die Mitarbeiter der Handgalvanik beim Sauerländer Leuchtenhersteller Simon und Schelle allein in diesem Jahr veredelt. „Manchmal träume ich von den Duschköpfen“, sagt Christoph Weber schmunzelnd und widmet sich konzentriert dem Schalter für die Stromzufuhr. Diese muss spontan runtergeregelt werden, denn es folgt kurzfristig eine bestimmte Stückzahl Kleinteile für einen anderen Kunden. „Wenn da der Strom zu hoch eingestellt ist, verbrennen die Teile“, begründet der Galvaniseur den Arbeitsschritt und füllt sogleich eine Trommel mit Schrauben, Muttern und Nieten, um das sechs Kilogramm schwere, kugelförmige Gefäß anschließend in der Ultraschallentfettung zu versenken.
Schmirgeln, polieren, entfetten, dekapieren, spülen – alles erfolgt in traditioneller Handarbeit. Ein Luxus, den sich das Unternehmen leisten kann, weil es seit vielen Jahren neben den Zubehörteilen für die eigenen, hochwertigen Leuchten auch Teile für Kunden verschiedener Branchen veredelt. Knapp 300.000 Stück in 2009 – darunter neben den Duschkopfabdeckungen unter anderem Scharniere für den Schiffsbau, Handtuchhalter, Beschläge für Fenster und Türen oder auch Zubehörteile für Gardinenstangen, teils in Gold, teils Chrom glänzend oder seidenmatt, teils Nickel glänzend oder matt.
„Der Vorteil unserer Handgalvanik ist die Flexibilität des Arbeitsablaufs“, begründet Geschäftsführerin Anna-Katharina Simon, warum das Unternehmen Simon und Schelle trotz der Möglichkeit automatisierter Veredelungsprozesse auf die traditionelle Handwerkskunst schwört. „Bei der industriellen Massenproduktion können die Maschinen nicht einfach gestoppt werden, wenn man plötzlich eine Charge Kleinteile verchromen soll, obwohl man gerade einen Auftrag zur Vergoldung von größeren Teilen hat. Für uns ist das dank der Handarbeit kein Problem.“
Außerdem spiele die herausragende Qualität der Endprodukte eine ganz entscheidende Rolle bei der Argumentation pro Handarbeit. „Jedes Teil wird bei uns individuell bearbeitet und später auf seine Qualität überprüft, deshalb ist unsere Quote an Mängelexemplaren gleich null“, so die quirlige Geschäftsfrau, die den Betrieb heute in dritter Generation gemeinsam mit Johannes Richter führt. Das wissen auch die Kunden zu schätzen, wie beispielsweise Bernd Mimberg, Geschäftsleiter bei S & B Beschläge, Sundern. Seit 2004 lässt das Unternehmen Türbeschläge, Schiffs- und Piano- sowie Flügelbeschläge bei Simon und Schelle veredeln, 75.000 Stück sind dort
allein 2009 in verschiedenen Nickel-, Chrom- und Goldausführungen behandelt worden. „Die galvanische Veredelung ist der letzte Arbeitsgang in der Produktionskette, der Erfolg entscheidet über Gewinn oder Verlust“, begründet Bernd Mimberg, warum S & B auf die manuelle Bearbeitung beim Veredeln setzt. „In der Handgalvanik wird die Oberfläche homogener und qualitativ besser und es gibt weniger Ausfall. Außerdem bekommen wir bei Simon und Schelle ohne bürokratische Umwege professionelle Beratung bei jeglichen galvanischen Fragen.“
Im Zeitalter modernster Automatisierungsprozesse ist das Unternehmen Simon und Schelle eine echte Manufaktur, in der konventionelle Handwerkskunst ein entscheidender Bestandteil der ansonsten hochmodernen Produktionskette ist. Die Tätigkeit von Christof Weber ist heute so kaum noch in Betrieben zu finden, der Beruf des Galvaniseurs in der Leuchtenindustrie vom Aussterben bedroht. Eine Tatsache, die das Unternehmen dennoch nicht vor Nachwuchssorgen stellen wird. Anna-Katharina Simon: „Unsere Mitarbeiter verfügen über ein unersetzliches Know-how und geben ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz weiter. In unseren Abteilungen ist es so, dass jeder alles kann.“
Die tägliche Arbeit mit Schwefel, Salzsäure, Nickel und anderen chemischen Stoffen wirft zwangsläufig die Frage nach dem Umweltschutz auf. Aber auch darauf hat Anna-Katharina Simon eine erfreuliche Antwort. „Wir haben schon seit über dreißig Jahren eine eigene Wasseraufbereitungsanlage, die mein Großvater noch mit initiiert hat“, sagt sie. Hier wird das benutzte Wasser, vereinfacht gesagt, gefiltert und immer wieder recycelt, bis es in den Produktionsprozess zurückgeführt werden kann. Die Anlage wird regelmäßig von einer Fachfirma gewartet, und einmal im Quartal entnimmt der Ruhrverband Wasserproben, um zu überprüfen, ob die Werte sich im Rahmen der erforderlichen Richtlinien bewegen. „Unser Wasserverbrauch entspricht dem eines Einfamilienhauses, und das ist meiner Meinung nach ein gutes Beispiel für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen.“
Weitere Infos zum Thema: www.sische-galvanik.de
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